Per Anhalter durch die Turing-Galaxis

»Shapes of Things to Come«: Christoph Markschies

Eine Freundin fragte mich gestern, ob ich denn schon alle Euro-Scheine aussortiert hätte, deren Seriennummer mit einem »Y« beginnen. Auf meinen offensichtlich dämlichen Gesichtsausdruck hin erklärte sie mir, dass es sich hierbei um die griechischen Banknoten handelten, die eventuell schon bald aus dem Verkehr gezogen werden müssten; gesetzt natürlich, dass Griechenland aus der Gemeinschaftswährung ausstiege. Und natürlich, dass dies ein Scherz gewesen sei.

Der Euro als Konversationsanlass? Geld, meist in Form von Münzen, war schon immer auch ein Träger von Information, ein Anlass für Gespräche und Geschichten, erinnerte Christoph Markschies, seinerzeit frisch gebackener Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin, seine Zuhörer in einem sehr kurzweiligen Vortrag zu vergangenen Informationsgesellschaften. Anhand der Münzen des Römischen Reichs erläutert er deren Bedeutung für die Verbreitung von Informationen:

»Vorn auf den Münzen ist der Triumphbogen abgebildet, auf der Rückseite steht ein Auszug der Inschrift. Menschen, die diese Münze in die Hand nehmen – und das tun sie überall, da die Münzen überall verteilt werden –, können dank der imperialen Propaganda des Augustus seinen großen militärischen Sieg nachvollziehen. Information wird also in einer gewissen Weise globalisiert: wenn Sie diese Münze in der Hand haben und entweder lesen können oder jemanden kennen, der Ihnen die Münze erklärt, dann verstehen Sie auch, welche Informationen die Münze in die Gesellschaft hineinstreuen will.«

(Christoph Markschies: Vergangene Informationsgesellschaften. MP3 ab Minute 10:58)

Die Botschaft, die der Ευρώ in unsere Gesellschaft hineinstreuen will, ist: wir Y-Geldscheinbesitzer gehören zu einer Wirtschaftsgemeinschaft und das ist auch so gewollt. Selbst wenn man die häufig beobachtete Gleichsetzung von Europa, Europäischer Union sowie Europäischer Wirtschafts- und Währungsunion als unzulässig kritisieren mag, die Faszination eines friedlichen Europas ohne innere Grenzen sollte die Herzen aller höher schlagen lassen; stattdessen steigt der Blutdruck, wenn man angesichts der Münzen an Schulden, Sparprogramme oder »Bankster« denkt.

Wieviel mehr ist doch aber die Idee von Europa! Wolfgang Schäuble, als Finanzminister und CDU-Urgestein der Romantik gänzlich unverdächtig, erinnerte in seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung des Internationalen Karlspreises zu Aachen am 17. Mai 2012 daran, dass Europa eine große Idee, ein Sehnen nach Freiheit und Solidarität war, ist und bleiben muss:

»Europa, meine Damen und Herren, ist Vielfalt und Kultur, ist Freundschaft und Miteinander, ist Nachhaltigkeit und Zukunft. Es ist doch kleinmütig, wenn wir Europa, wenn wir die europäische Idee nur auf Finanzfragen – so wichtig die sind – reduzieren wollten. Was wäre es für ein Kleinmut, wenn wir das europäische Projekt in Frage stellen wollten anstatt dass wir es einfach weiterdenken!«

(Wolfgang Schäuble: Rede des Bundesministers der Finanzen Dr. Wolfgang Schäuble anlässlich der Verleihung des Internationalen Karlspreises zu Aachen am 17. Mai 2012.)

Solidarität, nicht als Soli-Zuschlag verballhornt, sondern in ihrer ganzen visionären Tragweite ist der Grundpfeiler eines friedlichen Europas. Münzen und Banknoten sollten nicht nur als Ersatz für Tauschobjekte gesehen werden, sondern auch als Träger einer Information, wie die erste Euro-Münze avant la lettre belegt: EUROPA FILIORUM NOSTRORUM DOMUS – Europa ist das Haus unserer Kinder. Das ist natürlich ebenfalls Propaganda, aber die eines ausgezeichneten Produkts!

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Mit diesem Beitrag zur Kartographierung soll eine historische Notiz vorgenommen werden zu dem Vortrag von Christoph Markschies auf der Tagung »Shapes of Things to Come«.